Eichhörnchen und Igel helfen Grünräume in der Stadt zu vernetzen 2024 sollen Igel- und Eichhörnchenmeldungen ausgewertet werden. Besonderes Augenmerk legen wir dabei auf den Aspekt der Lebensraumvernetzung und Barrierewirkung von Strukturen im urbanen Raum. Die Idee des Grünraum-Vernetzungskonzepts Mit zahlreichen Parkanlagen gilt Wien als eine der grünsten Städte der Welt. Dennoch liegen zum Teil große Stecken zwischen den einzelnen Grünflächen. Straßen, Gebäude, Lärmschutzwände etc. stellen für viele Tiere Barrieren bzw. Gefahren da. Mit Ihrer Unterstützung möchten wir die aktuelle Situation von Igeln und Eichhörnchen in Wien erfassen. Mit Hilfe der Beobachtungs-Vorkommen können wir nicht nur Aussagen über die Qualität des Grünraums treffen, sondern außerdem erkennen, wie sich Grünräume besser vernetzen lassen. Während der Igel - ein Insektenfresser - in seiner Mobilität recht stark eingeschränkt ist; bereits kleine Mauern unüberwindbar sind und sein Aktionsradius eher dem einer Erdkröte entspricht, sind Eichhörnchen höchst mobil und in der Lage selbst mehrspurige Verkehrswege über Seile oder Leitungen zu queren. Beide Arten umrahmen damit perfekt das Spektrum tierischer Mobilität in der Stadt. Unser Ziel Die Rückschlüsse aus unseren Studien sollen wesentliche Vernetzungsachsen für Grünräumen im urbanen Bereich erkennen lassen, um damit zukünftig beide Arten noch effizienter zu schützen. Die erforschten Arten werden aufzeigen, wie permeabel der urbane Raum noch ist und wo es gilt letzte Durchlässe für das Leben unserer wilden Nachbarn sicher zu stellen. Vor allem geht es darum Barriere wirksame Strukturen zu identifizieren und wie diese überwindbar gemacht werden könnten. Mit Hilfe der beiden Indikatorarten sind wir auf der Suche nach strategisch wichtigen „Schlupflöchern“. Sie sind, für den nachhaltigen Schutz einer ganzen Reihe städtischer Organismen essentiell. Abgeleitete Maßnahmen haben einerseits hohe Relevanz für den Tierschutz, weil beispielsweise Tierverluste auf Straßen zu verhindern sind, andererseits können strategisch wichtige Grünkorridore gesichert und im Optimalfall gesichert oder gar ausgebaut werden. Zusätzlich wird - quasi als Nebenprodukt unseres Projektschwerpunkts - erstmalig eine Karte zum Beobachtungs-Vorkommen der beiden Arten in Wien geschaffen. Haben Sie einen Igel im Garten oder besucht Sie vielleicht sogar ein Eichhörnchen? Wir wollen mehr über unsere wilden Nachbarn erfahren und brauchen dabei Ihre Hilfe! Wie kann ich mitmachen? Wollen Sie mitforschen und haben eine Sichtung oder gar ein Foto von Igeln oder Eichhörnchen gemacht? Dann melden Sie Ihre Sichtungen bitte auf unserer Website, wir würden uns freuen. Das ist noch nicht genug? Dann engagieren Sie sich direkt im eigenen Garten oder in der Nachbarschaft.Wer mehr über die nächtlichen Besucher im eigenen Garten erfahren will, hat zwischen Mai und September die Möglichkeit, einen Igelspurentunnel auszuleihen. Dieser soll dann an 5 aufeinanderfolgende Tage/Nächte auf Pfotenabdrücke geprüft werden. Alle Materialen werden vom Projekt StadtWildTiere kostenlos zur Verfügung gestellt. Es sind keine Vorkenntnisse notwendig, ForscherInnen werden von unserem Team eingeschult. © Fabienne Selinger Der Spurentunnel - eine einfache aber effektive Methode um Igel nachzuweisen Für die Untersuchung der Barrierewirkung sollen Referenzflächen (100m x 100m) auf Hindernisse wie Zäune, Mauern und Treppen sowie Durchschlupflöcher (z.B. fehlende Latten im Zaun, Loch in Mauer, …) untersucht werden. Um auch die Versteckmöglichkeiten im Gebiet erfassen zu können, werden auch Kleinstrukturen wie Hecken, Laubhaufen und Büsche dokumentiert.Dieses Forschungsprojekt wird in Kooperation mit der Veterinärmedizinische Universität Wien und der Österreichischen Vogelwarte Außenstelle Seebarn durchgeführt. Ihre Meldungen bilden einen wichtigen Beitrag zum Tier- und Artenschutz – Vielen Dank! Mit freundlichen Grüßen,Fabienne Selinger & Richard Zink (Projektleitung) © Sylvia Marchart/stadtwildtiere.at Resultat Unsere Erhebungen zeigen: Igel und Eichhörnchen sind in vielen Wiener Grünräumen präsent, ihre Bewegungen werden aber häufig durch Hindernisse oder fehlende Verbindungsstrecken eingeschränkt. Die Kombination aus Sichtungsmeldungen, Spurentunneln (April–September) und systematischen Kartierungen lieferte räumliche und strukturelle Daten zur Verbreitung und Durchlässigkeit städtischer Lebensräume. Sie finden hier eine Zusammenfassung der Ergebnisse, der vollständige Endbericht steht als PDF zum Download bereit. Dokument SWT_ Freie Bahn für Igel Eichhörnchen und Co 2024_final.pdf Verbreitung von Igeln und Eichhörnchen in Wien Die Karten zeigen die räumliche Häufigkeit von Sichtungsmeldungen auf unserer Plattform (2014–2024) und markieren, in welchen Gebieten Igel und Eichhörnchen am gemeldet werden; sie geben Hinweise auf räumliche Schwerpunkte, aber nicht zwingend auf absolute Populationsdichten, da Meldedaten durch Beobachterpräsenz beeinflusst sind. © Fabienne Selinger / stadtwildtiere.at Verbreitungskarte der Häufigkeiten von Eichhörnchen-Sichtungen in Wien; Datengrundlage hierfür sind die Meldungen der Eichhörnchen-Sichtungen der letzten 10 Jahre © Fabienne Selinger / stadtwildtiere.at Verbreitungskarte der Häufigkeiten von Igel-Sichtungen in Wien; Datengrundlage hierfür sind die Meldungen der Igel-Sichtungen der letzten 10 Jahre Resultate Spurentunnel Zwischen April und September wurden 240 Igel-Spurentunnel auf Wiener Grünflächen aufgestellt und an 1.200 Kontrolltagen ausgewertet. Die Tunnel liefern einen verlässlichen, standardisierten Nachweis für das Vorkommen von Igeln: In 19 von 24 Flächen (80 % der untersuchten 1-km²-Quadrate) konnten Igelspuren dokumentiert werden. Ein begleitendes Regressionsmodell mit einem Hindernisindex zeigt einen tendenziellen, negativ verlaufenden Zusammenhang zwischen Barrierenbelastung und Nachweiswahrscheinlichkeit (p = 0,052) — das deutet auf eine hemmende Wirkung von Barrieren hin. © Fabienne Selinger / stadtwildtiere.at Verteilung der einzelnen Spurentunnel in Wien, mit grünen Markierungen für Tunnel mit mindestens einem Igel-Nachweis und roten Markierungen für Tunnel ohne Nachweise. © Fabienne Selinger / stadtwildtiere.at Zusammenhang zwischen dem Hindernisindex (IDX_Hinder) und dem Anteil der Igelspuren pro Quadrat. Die Regressionslinie zeigt einen negativen Trend: Mit zunehmender Barrierenbelastung sinkt tendenziell die Wahrscheinlichkeit, Igelspuren zu finden. Der Effek © Susanne Ecker / stadtwildtiere.at Ein Igel nahe dem Spurentunnel Erhebung von Lebensraumstrukturen (Durchlässigkeit und Barrieren) Die Mehrweg-Analysen (Vergleich Luftlinie vs. tatsächlich möglicher Weg) zeigen deutliche Effekte der Zerschneidung urbaner Räume: Igel legen im Mittel 20,1 m Mehrweg pro 100 m Luftlinie zurück (Maximum im Datensatz: 114 m), Eichhörnchen durchschnittlich ca. 26 m. In einigen Quadranten (z. B. Schönbrunn, Großfeldsiedlung, Kagran) sind die Mehrwege vergleichsweise gering (<10 m), in anderen (Alaudagasse, Alte Schanzen, Breitensee) deutlich höher.Die Kartierungen ergaben eine mittlere Barrierenlänge pro Referenzfläche von 256 m, einen Anteil an Kleinstrukturen von ≈ 8,3 % und im Mittel 1,6 Durchgänge pro Fläche. © Fabienne Selinger / stadtwildtiere.at Eine Zusammenstellung von Minimum, Maximum, Durchschnitt und Total der Barrieren, des Anteiles an Kleinstrukturen und der Anzahl Durchgänge pro Untersuchungsfläche bzw. des Mehrweges pro Referenzfläche. © Fabienne Selinger / stadtwildtiere.at Durchschnittlicher Mehrweg der Igel je Untersuchungsquadrat. Höhere Werte deuten auf stärkere Barrieren und geringere Durchgängigkeit für bodenlebende Tiere hin. © Fabienne Selinger / stadtwildtiere.at Anteile des am Boden („unten“; rot) bzw. oberirdisch („oben“; grün) zurückgelegten Wegs bei den Eichhörnchen-Linien. Hohe Bodenanteile weisen auf fehlende baumbasierte Verbindungskorridore hin. Zum Schluss ein herzliches Dankeschön an alle Teilnehmenden! Ohne Ihre Unterstützung wäre dieses Projekt nicht möglich gewesen. Danke an alle Bürger:innen, die Sichtungen gemeldet und so die Verbreitungskarten mitgetragen haben; an die Freiwilligen, Praktikant:innen und Teams, die Tunnel aufgebaut, kontrolliert und kartiert haben; an unsere Kooperationspartner (insbesondere die Vetmeduni Wien / Österreichische Vogelwarte), Fördergeber und Unterstützer (u. a. Klaus Futter GmbH für das bereitstellen des artgerechten Igelfutters) sowie an die Schulen und Medien, die das Thema mitgetragen haben. Ihre Zeit, Ihr Wissen und Ihre Offenheit haben nicht nur wertvolle Daten geliefert, sondern auch das Bewusstsein für die Bedürfnisse urbaner Wildtiere gestärkt. Ein herzliches DANKESCHÖN an euch alle! © Martin Koller / stadtwildtiere.at Ein Eichhörnchen (Sciurus vulgaris) balanciert auf einem Ast, um eine Mauer zu überwinden. Im Gegensatz zu Igeln stellen solche Barrieren für flinke Kletterer wie Eichhörnchen keine unüberwindbaren Hindernisse dar